REPORTAGE: Der Weg zum Spiel

REPORTAGE: Der Weg zum Spiel

Der Weg zum Spiel

Im ostfriesischen Norden herrscht ein seltsamer Kult. Ein älterer Herr mit zerzaustem Haar, Hut und roten Schuhen strahlt einen aus Schaufenstern, von Laternenpfählen oder Plakaten an. Marzipan-Seehunde werden verehrt und Konditoren um Autogramme gebeten.
Schuld an all dem ist Klaus-Peter Wolf, Autor der Ostfriesenkrimis.  An einem Wochenende im April ist er mit zwei Kollegen in Norden unterwegs, um ein besonderes Projekt zu planen.

„Ein Blick aufs Meer relativiert alles.“

Es ist Freitagnachmittag. Zwei Männer, mit dicken Jacken und Wollmützen dem eisigen Wind trotzend,  spazieren am Strand von Norddeich entlang. Die Sonne strahlt und lockt Einheimische und erste Urlauber ans Wasser. Die beiden sind ins Gespräch vertieft, nehmen kaum wahr, was um sie herum passiert. Sich kreischend um eine Muschel streitende Möwen ebenso wenig wie die ihnen verblüfft hinterherschauenden Passanten. Einer der beiden Männer ist eben jener Herr von den Bildern und Plakaten in der Stadt und auch hier am Strand: Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf.

„Am Strand habe ich immer gute Ideen“, sagte dieser kurz zuvor am heimischen Küchentisch zu Jens Schumacher. Die beiden Autoren arbeiten an einem gemeinsamen Projekt und die ostfriesische Stadt Norden, Wahlheimat von Wolf, bietet die Bühne dafür.
Fast jedem, der schon einmal eine Buchhandlung besucht hat, dürften Wolfs Ostfriesenkrimis ein Begriff sein, sie führen regelmäßig die SPIEGEL-Bestsellerliste an. Ostfriesenzorn, der neueste Band, stieg am ersten Verkaufstag auf Platz eins ein, genau wie etliche seiner Vorgänger. Wolf freut sich jedes Mal aufs Neue darüber. 

Die Freude teilt auch der 47-jährige Autor Jens Schumacher, seit Jahren mit Wolf befreundet. Schumacher, der u.a. mit interaktiven Büchern und Spielen erfolgreich ist, hatte Wolf vor vielen Jahren auf einer Veranstaltung des Friedrich-Boedecker-Kreises kennengelernt. Beide engagieren sich dort für die Leseförderung. 
Wolf schätzt die unkonventionelle und witzige Art, mit der Schumacher in seinen Werken Kinder und Jugendliche zum Lesen animiert. Schumacher seinerseits ist beeindruckt von Wolfs Vielseitigkeit, Produktivität und seinem Engagement, das weit über die Leseförderung hinaus geht. 

„Schlagen wir doch mit dem Hammer drauf!“

Gleich zu Beginn seines Besuchs überreicht Jens Schumacher Klaus-Peter Wolf sein neuestes Werk, ein Krimigame-Kartenspiel. Beim Ausprobieren schlüpft Wolf selbst in die Rolle der Hauptfigur. 
Er versucht sofort, sich mittels brachialer Gewalt aus einem Raum zu befreien, in den er eingeschlossen wurde. Doch das Schloss widersteht den Hammerschlägen. „Och, menno“, jammert Wolf, aber seine Frau Bettina Göschl gibt nicht auf. Schnell durchschaut sie das Konzept hinter den Rätseln. „Man muss schon ganz schön um die Ecke denken“, erkennt sie. Ein Jubeln ertönt, als sie das Türschloss schließlich mit Hilfe eines kaputten Staubsaugers und eines Salamibrötchens aufbekommen. 

Eine Stunde später ist Klaus-Peter Wolf nicht nur um eine Erfahrung reicher –er hat zum ersten Mal ein Krimigame gespielt –, sondern auch davon überzeugt, dass das gemeinsame Projekt ein Knaller wird: Ostfriesenspiel, ein Krimi zum Selberspielen mit einer Geschichte von Klaus-Peter Wolf, Rätseln von Jens Schumacher, illustriert von Hauke Kock.

Der Dritte im Bunde gesellt sich am nächsten Tag hinzu. In der Fußgängerzone von Norden treffen die Autoren auf Hauke Kock. Der 56-jährige Illustrator ist aus Kiel angereist und hat sich bereits in der Stadt umgesehen. „Hier gibt es Windmühlen und eine riesige Schnapsflasche“, begrüßt er seine Mitstreiter. Natürlich hat er alles bereits fotografisch festgehalten. Mit Schumacher hat er schon oft zusammengearbeitet, Klaus-Peter Wolf kennt er von dessen Hörbüchern.   

„Jetzt gibt’s erst mal Kuchen!“

Vor der gemeinsamen Erkundung potentieller Schauplätze für das Spiel lädt Wolf seine Kollegen in das aus seinen Romanen bekannte Café ten Cate ein.  Wolfs Romane spielen in Norden und Umgebung. Die Schauplätze sind meist real existierende Orte. Auch einige seiner Protagonisten gibt es wirklich. Manche erlangten durch ihre Auftritte sogar regelrechte Berühmtheit. 

Eine dieser Berühmtheiten öffnet dem Trio nun die Tür des Cafés. „Ich bin der Jörg“, stellt sich der große, blonde Mann lachend vor. Jörg Tapper ist Konditor und Inhaber des Café ten Cate, sowohl in der Realität als auch in der literarischen Fiktion. Die drei weihen ihren Gastgeber in das Projekt ein und offenbaren die am Vorabend erdachte Story. Tapper hört gespannt zu, während er einen Marzipan-Seehund akkurat in Scheiben schneidet. 

Niemand von den vier Männern bemerkt, wie ruhig es in dem fast voll besetzten Café geworden ist. Die Besucher, zum großen Teil Touristen und Wolf-Fans, können ihr Glück kaum fassen. Einige wagen sich zaghaft vor und bitten um Autogramme. 

Nach dem Besuch im Kult-Café, welches im Spiel Ausgangspunkt der Geschichte sein soll, geht es zu Fuß kreuz und quer durch die Stadt. Wolf zeigt seinen Gästen die Schauplätze seiner Romane: die alte Dornkaat-Fabrik, die riesige Schnapsflasche, die Windmühlen, die Buchhandlung, das Hotel Smutje, das Polizeirevier, das Teemuseum … Danach geht es mit dem Auto zum Flugplatz und noch einmal zum Strand nach Norddeich. 

18 Kilometer zeigt eine Schrittzähler-App auf Schumachers Handy am Ende der Tour. Der 68-jährige Wolf wirkt kein bisschen müde, dem Marathonläufer Kock entlockt die Zahl nur ein mildes Lächeln. 

„Bettina, bestellst du die Pizza?“

Die Krimigame-Kartenspiele, die der Münchner Verlag arsEdtion herausgibt, sind Geschichten in Form illustrierter Spielkarten, die Aktionen und Rätsel beinhalten. Die Spieler beeinflussen Verlauf und Ausgang der Geschichte durch ihre Entscheidungen und ihr Geschick beim Lösen der Rätsel. 

„Ein Spiel auf Basis eines bekannten literarischen Werks ist schon erschienen, ein weiteres bereits geschrieben“, erklärt Schumacher. Vorlagen waren die Kluftiger-Romane von Klüpfel und Kobr sowie die Krimis von Volker Kutscher. 

Ostfriesenspiel stellt in dieser Reihe eine Besonderheit dar, denn im Gegensatz zu den Autoren der vorherigen Spiele kennen sich hier die Beteiligten bereits persönlich, sind seit Jahren Freunde und Kollegen. Zusammen Schauplätze besuchen und die Geschichte vor Ort entwickeln, das soll dem Spiel besondere Authentizität verleihen, so der Plan.

Noch mehr Inspiration gibt es am Abend: Im ZDF läuft die Fernsehpremiere von Ostfriesensühne. Die sechste Verfilmung zur Romanreihe schauen die Wolfs und ihre Gäste daheim, bei Pizza und Bier. 

„Die filmische Umsetzung hat mir einen guten Eindruck von der Stimmung vermittelt, die das Spiel haben soll“, freut sich Kock. 
„Ja, eher düster, nicht zu comicmäßig“, stimmt Schumacher zu. 
Klaus-Peter Wolf nickt und strahlt. Die Begeisterung ist allen anzusehen. 

„Der Zeitplan ist ambitioniert.“

Für Hauke Kock geht es am nächsten Tag zurück nach Kiel, Jens Schumacher macht sich auf den Heimweg ins Saarland. 

Im nächsten Schritt zerstückelt Schumacher die von Wolf erdachte Geschichte in kurze Episoden und konzipiert die Rätsel. Danach erstellt Hauke Kock die Illustrationen. Anschließend wird getestet und lektoriert.

„Ende Juni muss alles in Druck, damit das Spiel im September erscheinen kann“, sagt Dido Nitz, Programmleiterin bei arsEdition.
Sorgen wegen des Zeitplans macht sie sich nicht. „Das sind Profis“, sagt sie,  „Die bekommen das hin.“

Sechs Monate später

An einem regnerischen Samstag im Oktober stehen Klaus-Peter Wolf und Jens Schumacher in der Buchhandlung Lesezeichen im ostfriesischen Norden und präsentieren vor Publikum das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. Unter ihrer Anleitung übernehmen die mehr als fünfzig Premierengäste an diesem Abend die Suche nach der entführten Tochter Frank Wellers, einer Hauptfigur aus Wolfs Romanen. 

Gleich zu Beginn erwartet das Publikum ein recht kniffliges Rätsel. In einem Brief des Entführers lauern jede Menge Rechtschreibfehler. Doch diese seien nicht auf die Unfähigkeit der Autoren oder des Lektorats zurückzuführen, lautet ein Hinweis von Jens Schumacher. Die offenbar rätselerprobten Ostfriesen finden die Lösung überraschend schnell und eröffnen damit eine rasante Spurensuche in und um die Stadt Norden. 

Die Stimmung bei dieser Premiere spiegelt sich anschließend in den Mienen der Autoren wider. Das Lachen will ihnen einfach nicht aus den Gesichtern weichen, und so plaudern sie noch lange Zeit mit ihren Fans, signieren Spiele und geben hier und da noch ein paar kleine Tipps für die Jagd auf den Entführer. 

Eines lässt sich nun mit Gewissheit sagen. Die haben das hinbekommen!

Copyright Text und Foto: Maja Šimunić

PORTRÄT: Germaine Paulus

Foto: Germaine Paulus

Ohne Leben keine Kunst

Als Künstlerin ist Germaine Paulus nicht nur auf den Austausch mit ihrem Publikum angewiesen. Sie braucht Austausch und Kommunikation in jeglicher Form, um Kunst erschaffen zu können. Doch das ist kaum möglich in Zeiten einer Pandemie.


Der Text auf ihrer Webseite ist 23 Zeilen lang. Er handelt von Neugier oder auch Wissbegier, dem Drang, durch Löcher in Zäunen zu spähen und von den Verlockungen des Verborgenen. „Ich erzähle Ihnen gern, was ich tue, was ich getan habe … Wenn Sie Zeit haben, sogar ab meinen wilden Jahren im Kindergarten.“

Wer etwas über sie erfahren möchte, soll einfach anrufen. 


„Willkommen bei Frau Paulus“

Die Fenster, Fassaden und Dächer der Stadt sind nicht nur sinnbildlich der Hintergrund und das Bühnenbild für Germaine Paulus. Sie sitzt in einem Sessel vor dem Fenster ihrer Dachgeschosswohnung in Saarbrücken. 

Es ist kühl, auch drinnen, denn das Fenster hinter ihr ist geöffnet. Auf einem Tisch neben dem Sessel steht eine Tasse Kaffee. Kurz verschwindet das Gesicht von Frau Paulus hinter dem Dampf des heißen Getränks, als sie daran nippt. 

Die Frau, in Schwarz und Grau gekleidet, erinnert an eine Grande Dame aus den 1920er Jahren. Ein tiefschwarzer Bob umrahmt das blasse Gesicht. Ein Kontrast, den nur noch die ebenfalls schwarz umrandeten, hellblauen Augen übertreffen können.


„Du bist still geworden – Saarbrücken, My Love“


Die Stadt ist ihre Inspiration, ein Quell für Kurioses, Bemerkenswertes und das pure Leben. Es sei denn, eine Pandemie hält die Welt im Griff und lässt diese Quelle versiegen. 

Sie ist Autorin, Journalistin, Verlegerin und noch vieles mehr. Die Kunst war schon ihr ganzes Leben lang ihr ständiger Begleiter. Als Kind probierte sie sich an verschiedenen Instrumenten aus, sang, malte und begann als Jugendliche mit dem Schreiben. 

Nach dem Design-Studium führte ihr Weg sie in die Werbung und sie blieb – auf Anraten ihres Professors – beim geschriebenen Wort, denn sie ist in erster Linie eine Textkünstlerin. 

Drei Romane hat sie bereits veröffentlicht, der vierte ist in Arbeit. Doch es ist gerade nicht leicht, weil die Stadt und alles um sie herum so still ist. 

Ihre Geschichten leben vom Zwischenmenschlichen. Die Essenz ihrer Kriminalromane, die sie im eigenen Verlag veröffentlich, sind Beziehungen, Dramen und menschliche Abgründe – eben das, was im Verborgenen schlummert.


„Der Dandy ist tot. Es lebe der Dandy!“

Es war Anfang des Jahres 2018 in Brighton, als Germaine Paulus und ihr Mann Tom einen Verlag gründeten. The Dandy is Dead. Hier veröffentlicht sie nicht nur ihre eigenen Sex- and Crime-Romane, sondern gibt auch die Basement Tales heraus – eine Heftreihe mit schrägen, brutalen oder auch surrealen Kurzgeschichten verschiedener Autoren und Autorinnen. Die Reihe ist eine Hommage an die Schundromane und Groschenhefte, die Pulp-Fiction vergangener Zeiten. 


Frau Paulus war schon immer fasziniert von den Dingen, die im Schatten liegen und schlummern, von den Grautönen des Lebens. So zieht sie selbst immer wieder seltsame Situationen an und schöpft daraus die Inspiration für ihr Schreiben. Wie auch ihre vorherigen ist der aktuelle Roman Ohnmacht ein dunkler, bitterer mit eher unterschwelliger als überzogener Brutalität. 


„Ohne Präsenz läuft es nicht.“

Was vor vier Jahren vielversprechend anfing, fand mit dem Beginn der Pandemie ein vorerst abruptes Ende. Große Hoffnungen lagen auf dem Roman Homo femininus von Lina Thiede, der am 1. April 2020 im Verlag The Dandy is Dead erschien. Doch sämtliche Veranstaltungen, die Verlag und Autorin mit dem Buch geplant hatten, fielen aufgrund der Pandemie aus. Das war nur die erste bittere Erfahrung und der Beginn einer schwierigen Zeit, wie für so viele Künstler und Kleinverlage. 


Frau Paulus liebt die Begegnung mit dem Publikum. Ein Veranstaltungskonzept für Live-Auftritte ist aber nicht nur deshalb fester Bestandteil der Vertriebsstruktur des Verlages. In die Regale der Buchhandlungen zu kommen, ist schwierig, denn ihre Bücher passen oft nicht ins Sortiment.


Neben dem Austausch mit dem Publikum werden bei ihren Live-Veranstaltungen auch jede Menge Bücher verkauft. Haben die Käufer Gefallen an den Büchern gefunden, bestellen sie noch mehr über die Verlagswebseite. 


Der zweite Lockdown Ende des Jahres 2020 war schlimm für sie. Er lähmte sie in ihrer Kreativität und ihrer Arbeit. Eine Release-Party für ihren aktuellen Roman war für Dezember in einem kleinen Kino in Saarbrücken geplant. Am Ende wurde daraus ein Live-Stream. „Es lief erstaunlich gut und hat Spaß gemacht.“, erinnert sie sich. Das große Aber nach diesem Satz schluckt sie runter und lächelt etwas gequält. 


„Männer mit Schal finde ich super.“

Die Wohnung von Germaine Paulus ist voller Kunst: Skulpturen, Bilder, Filme und Bücher. Über Kunst kann sie stundenlang reden und gerät bei Namen wie Peter Cushing, Terry Pratchett oder Clive Barker ins Schwärmen. 


Sie liebt Horror, doch eher mit dem Fokus auf Atmosphäre statt Brutalität und sie mag Realismus mit einem Hauch von Außergewöhnlichem. So beschreibt sie ihre Präfenzen. Auf genau diese stößt man auch in ihren Romanen.


Das Außergewöhnliche begegnet ihr normalerweise auf der Straße. Sie erzählt von einem Mann mit blauer Clownsnase, der ihr bei einem der wenigen Café-Besuche dieses Jahres in der Innenstadt auf einem Fahrrad entgegenkam. Letztendlich stellte sich die Clownsnase bei näherer Betrachtung als großes Nasenpiercing heraus, das den blauen Himmel reflektierte. 


„Und das vermisse ich.“

Ihr Lachen, während sie diese und weitere kuriose Geschichten aus dem Leben erzählt, ist laut und kommt von ganz tief drinnen. Ihre Stimme, in einen Moment noch kräftig und hell, wirkt plötzlich gedämpft, als sie von leeren Straßen und Plätzen spricht, die sie meidet, solange sie noch ausgestorben sind. 


Es tut ihr weh, ihre Stadt, von deren Leben sie sonst zehrt und die sie manchmal regelreicht körperlich spürt, in einem Zustand der Stille und Reglosigkeit zu sehen. 


Doch die Pandemie lässt nicht locker. Die für Dezember 2021 geplante Release-Party für den neuen Band der Basement-Tales musste nun auch verschoben werden – auf Februar 2022. 


„Krönchen richten und weiter“

Vor wenigen Wochen startete Frau Paulus gemeinsam mit ihrem Freund und Kollegen Christian von Aster ein neues gemeinsames Projekt, ein pandemietaugliches. Es ist der Podcast: „Thema verfehlt – zu zweit daneben“. Hier philosophieren die beiden über von ihren Zuhörern eingesandte Wörter und geben dabei tiefe Einblicke in ihre persönliche Gedankenwelt. 


Germaine Paulus, die ausschließlich nachts schreibt, arbeitet weiter an ihrem vierten Roman. Inspiration gibt es schließlich auch im lokalen Impfzentrum. Der E-Book-Verkauf des letzten Romans startete erfreulich und Weihnachten 2021 war besser als 2020 ­– immerhin.


Die 23 Zeilen auf Ihrer Webseite sind eine Aufforderung, hinter den Zaun zu spähen. Was man dort entdeckt, ist weder verboten noch verborgen – es ist die kreative, unvollkommene, ein wenig schräge und immer spannende Welt von Germaine Paulus.

(c) by Maja Simunic, 2021

Foto: Germaine Paulus

REPORTAGE: Ohne die Familie geht es nicht

Logo Buchmesse Saar

Die Menschen hinter der Buchmesse Saar

Es ist ein Samstagnachmittag Ende Mai und die Buchhandlung ist brechend voll. Mindestens zwanzig Personen stehen, sitzen, lesen und plaudern. Weitere flitzen dazwischen hin und her. Rufe, Lachen und manchmal ein alles übertönendes „Psst!“. Eine lebensfrohe Szenerie, in den Duft von Räucherstäbchen und Popcorn gehüllt. 


Drei Wochen bis zur Messe

Was wie der Traum jedes coronagebeutelten Buchhändlers scheint, ist das Herzensprojekt von Karsten Wolter. Der 50-jährige ist nicht nur Inhaber der Buchhandlung Drachenwinkel im saarländischen Dillingen, er ist auch Ausrichter einer Buchmesse. Die Online-Buchmesse Saar wird in drei Wochen stattfinden und wir befinden uns mitten in der Generalprobe. 


Am Theater gilt eine misslungene Generalprobe als gutes Omen. Hoffentlich ist das bei einer Buchmesse auch so – denn gerade läuft alles schief. Die Streaming-Software, die für die Übertragung der hundertfünfzig geplanten Online-Live-Lesungen eingesetzt werden soll, erweist sich als ungeeignet. 


Karsten Wolter ruft zur Krisensitzung vor die Ladentür. Mit dabei: Jan Schäfer und Benjamin Kiehn, seine IT-Spezialisten. Die Entscheidung fällt schnell. Eine neue Software muss her! Innerhalb der nächsten Tage muss der Buchhändler die nötigen Lizenzen beschaffen. Eine zusätzliche Technik-Probe wird für das nächste Wochenende angesetzt. 


Keiner der anwesenden Freiwilligen murrt. Alle sind immer noch gut gelaunt. Immerhin: Die Teams haben sich bereits zusammengefunden. Vier Gruppen, bestehend aus jeweils zwei Moderatoren und einem Techniker, betreiben die virtuellen Lesesäle. Ein Social-Media-Team soll eingehende Kommentare und Nachrichten beantworten, ein weiteres betreut den Online-Messetreffpunkt Gather Town


Zwei Wochen bis zur Messe


Der zweite Test verläuft erfolgreich. Die Software funktioniert, der Messechef ist erleichtert. „Ich lerne bei solchen Problemen jedes Mal etwas dazu.“ 

Er lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, wie es scheint.


In den zwei Wochen bis zur Messe stehen noch mehrere Online-Meetings an, an denen Messehelfer wie beteiligte Autoren teilnehmen können. Hier darf jeder Fragen stellen, man lernt sich kennen, Unsicherheiten werden ausgeräumt. 


Vier Tage bis zur Messe


„Hallo, liebes Team, anbei die letzten Infos für alle …“ So beginnt die Mail von Karsten Wolter, in der letzte Details geklärt werden: der endgültige Zeitplan, Leitfäden für Techniker und Moderatoren, wichtige Links.


Es wird auch nach Wünschen gefragt, denn die Helfer, die sich allesamt aus dem Stammkunden- und Freundeskreis der Buchhandlung rekrutieren, sollen über das Wochenende gut versorgt sein. 


Möchte jemand besondere Getränke, vielleicht Light oder Zero? Ist jemand Allergiker, Vegetarier, Veganer …?


Am nächsten Tag fahren die Wolters zum Großmarkt einkaufen. „Wir wollen, dass alle satt und zufrieden sind.


Ein Tag bis zur Messe


„Das Wichtigste“, lautet der Betreff der nun wirklich letzten Mail an das Team. Es geht um die Verpflegung, denn nicht nur ein Zelt, Kühltruhe und Bierzelt-Garnituren wurden vor dem Laden aufgebaut, auch die Imbissgastronomie neben dem Buchladen steht als Versorger bereit. Die Speisekarte wird als Anhang gleich mitgeschickt. Man darf so oft bestellen, wie man möchte und alles anschreiben lassen. Klingt traumhaft.


Karsten hat noch schnell die Versicherung seines Ladeninhalts für dieses Wochenende erweitert. Equipment der Helfer, welches über Nacht dort bleibt, ist versichert. 


Erstaunlich, was alles so kurzfristig möglich ist. 


Go Live! 


Es ist Freitagmittag, der 18. Juni und der Laden brummt mal wieder. Kunden müssen vor der Tür warten, können nur bestellte Waren abholen. Dafür zählt drinnen der Countdown auf einer großen Leinwand herunter ­– noch drei Stunden bis zum Start. Die Teams richten ihre Plätze ein: am hinteren Ende des Ladens, direkt vor der Bar, vor dem Fantasy-Regal und in der Spielzeug-Ecke. 


LAN-Kabel werden an jeden Platz verlegt, denn die Internetverbindungen der Lesesäle müssen stabil sein. Techniker Frank springt zwischen den Plätzen hin und her, prüft Anschlüsse, rückt Scheinwerfer zurecht. 


„Wie ist das Passwort“, schallt es von irgendwo. „Ich komme sofort!“, ruft Frank zurück. Er schwitzt unter seiner Atemschutzmaske, lüftet sie kurz. Darunter ein Lachen, keine Spur von Anspannung oder Stress. 


Die Aussicht, drei Tage bei hochsommerlichen Temperaturen in einem Buchladen zu verbringen, schreckt scheinbar niemanden. Wie schon bei der Generalprobe sind alle gut gelaunt und voller freudiger Erwartung. Manche sind aber auch nervös. Schließlich werden sie Lesungen moderieren und Gespräche mit bekannten Autoren führen, und das live im Internet, wo einen jeder sehen kann. 


Melanie hat sich gut vorbereitet. Für jede ihrer Moderationen hat sich die Dillingerin eingehend über die Autoren informiert und deren Bücher gelesen. Sie hat ihre Moderationstexte vorformuliert und übt gerade fleißig, damit sie ihr flüssig über die Lippen gehen. 


Auf eine Autorin freut sie sich besonders. „Simona Turini! Sie schreibt über den alltäglichen Horror. Ich liebe ihre Geschichten.“ 


Dass sie gleich mit ihr sprechen und sie über ihr neues Buch ausfragen darf, lässt sie die Schweißperlen auf ihrer Stirn vergessen. 


„Wir gehen jetzt live!“ Es ist 17 Uhr, die erste Lesung beginnt. Der Geräuschpegel nimmt schlagartig ab, alle sind hochkonzentriert, prüfen ein letztes Mal Licht und Mikros oder nehmen noch einen Schluck aus der Wasserflasche. 


Die vier Lesesäle starten jeweils um zehn Minuten zeitversetzt mit ihren Lesungen. Nun geht es auch bei Melanie los. Sie strafft die Schultern, atmet tief durch und nickt ihrem Techniker Tom zu. Der klickt auf Go Live. „Herzlich willkommen bei der Buchmesse Saar!“


Hundertfünfzig Mal wird man diesen oder einen sehr ähnlichen Satz an diesem Wochenende im Drachenwinkel hören. 


Der zweite Tag verläuft fast schon routiniert. Die Teams sind eingespielt, die vielen positiven Rückmeldungen von Autoren und Gästen geben Anlass zur Freude. Frische Croissants und Eiskaffee zum Frühstück sowie Essen vom Imbiss nebenan machen tatsächlich alle satt und zufrieden. 


Messechef Karsten ist an diesem Tag außer Haus. Im Theater von Saarlouis moderiert er fünf Live-Talks mit bekannten Autoren. Dass in seinem Drachenwinkel trotzdem alles läuft, macht ihn ein bisschen stolz. 


Auch der letzte Messetag wird weder von Wolken noch von Problemen getrübt. Körperlich macht die Hitze allen zu schaffen, doch niemand beschwert sich. Vor dem Laden werden Erfahrungen ausgetauscht – „Tad Williams war unfassbar nett!“ – und bereits Pläne geschmiedet: „Wenn Walter Moers mal bei uns lesen würde …“ 


Drinnen läuft alles perfekt bis zur letzten Lesung. Erleichterung, strahlende Gesichter und ein bisschen Wehmut bilden den Rahmen für die Abschlussveranstaltung, zu der alle ein letztes Mal den Go Live-Button ihrer Lesesäle betätigen. 


„Wir sehen uns nächstes Jahr!“, schließt der Messechef, und alle recken die Daumen in die Höhe. Ohne die Menschen – oder besser: ohne die Familie geht es eben nicht bei der Buchmesse Saar. 

(c) by Maja Simunic, 2021

REZENSION: Das Geheimnis von Leben und Tod

REZENSION: Das Geheimnis von Leben und Tod

Rebecca Alexander

Veröffentlicht im Virus-Magazin Mai/Juni 2016


Als in Exeter die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, deren Körper mit okkulten Symbolen übersät ist, wird der Sozialanthropologe und Okkultismusexperte Felix Guichard von der Polizei als Berater hinzugezogen. Bei seinen Recherchen zu dem Fall trifft er auf Jackdaw Hammond, eine junge Frau, der er eine Verbindung zu den besagten Symbolen nachweisen kann.

Felix wird schnell klar, dass Jack etwas vor ihm verbirgt, doch ehe er dem auf den Grund gehen kann, muss er sie vor einer Kreatur beschützen, deren Existenz er bislang nur als den Aberglauben archaischer Kulturen angesehen hat. Sollte es tatsächlich möglich sein, den Tod zu umgehen und das Leben unnatürlich zu verlängern? Und welchen Preis hätte so ein Leben? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen Felix und Jack mehr als nur ihr Leben riskieren. 

In Das Geheimnis von Leben und Tod verarbeitet die Autorin geschichtliche Fakten über die als Blutgräfin bekannte ungarische Adelige Elisabeth Báthory sowie den englischen Mystiker und Wissenschaftler John Dee. Für Leser, die sich ein wenig mit der Geschichte der beiden auskennen, ist das Geheimnis, um das sich die Story dreht, keine wirkliche Überraschung.

Für alle anderen dürfte der Roman eine durchaus spannende Lektüre darstellen. Die Geschichte spielt sich auf zwei Erzählebenen ab: im 16. Jahrhundert in den Tiefen der ungarischen Wälder und Berge sowie im England der Gegenwart. Mit Fortschreiten der Handlung wird der Zusammenhang zwischen den Zeitebenen und den dort agierenden Figuren immer deutlicher, um am Ende in der Erkenntnis zu kulminieren, dass Leben und Tod nicht in jedem Fall eindeutig voneinander getrennt werden können. Ein unterhaltsamer und atmosphärisch stimmiger Roman mit einem leider etwas vorhersehbaren Finale.




Autor:             Rebecca Alexander

Verlag:           Heyne

REZENSION: Under Water

REZENSION: Under Water

Roman: Matt De La Pena

Veröffentlich im Virus-Magazin Sept/Okt 2016



Shy möchte die freie Zeit nach dem letzten High School-Jahr sinnvoll nutzen, um etwas Geld zu verdienen. So verdingt er sich als Crew-Mitglied auf Luxus-Kreuzfahrtschiffen. Eigentlich ein angenehmer Job, bis sich eines Tages einer der Gäste das Leben nehmen will und über Bord springt.

Shy hat als Letzter mit ihm geredet und sogar noch versucht, ihn festzuhalten – erfolglos. Nach diesem Vorfall interessieren sich plötzlich einflussreiche Leute für ihn, er wird überwacht und sogar verhört. Die verworrenen Sätze, die der Selbstmörder kurz vor seinem Sprung zu ihm sagte, scheinen für einige Leute von großem Interesse zu sein. Doch bevor Shy herausfinden kann, wer ihn verfolgt und warum, wird der Luxusliner von einer Katastrophe heimgesucht: Gleich mehrere Tsunamis zerstören das Schiff und die meisten Rettungsboote.

Ausgelöst wurden die Wellen durch ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien. Als einer von wenigen Überlebenden treibt Shy nun in einem halb zerstörten Boot auf dem Ozean dahin, ohne Wasser oder Nahrung und immer begleitet von hungrigen Haien …

Under Water ist ein Thriller für Jugendliche mit einem etwas irreführenden deutschen Titel. Im amerikanischen Original lautet der Titel The living, was durchaus treffender ist. Es geht im Roman nämlich keineswegs um gefährliche Dinge, die unter Wasser lauern (von Haien einmal abgesehen).

Der Autor verarbeitet vielmehr verschiedene andere Themen: Wissenschaft und Ethik, Rassismus, Liebe und Familiendramen. Jedes Thema für sich mag interessant und lesenswert sein, jedoch fehlt der Geschichte ein eindeutiger Focus. Dies führt dazu, dass Handlungsstränge am Ende nicht abgeschlossen werden und der Leser etwas ratlos zurück bleibt. Trotzdem ist Under Water ein durchaus spannender und emotionsgeladener Thriller für Jugendliche.

Autor:             Matt de la Peňa       

Verlag:           dtv      

REZENSION: Die Letzten und die Ersten Menschen

REZENSION: Die Letzten und die Ersten Menschen

Roman: Olaf Stapledon


Veröffentlicht im Virus-Magazin (Dez. 2015)


„Groß sind die Sterne, und der Mensch bedeutet ihnen nichts.“ Die menschliche Rasse ist von Beginn an dem Untergang geweiht. Die erste menschliche Zivilisation löscht sich bereits nach 150.000 Jahren aus. Bis dahin spornen Konflikte und Katastrophen die Menschheit immer wieder zu Höchstleistungen an – wie etwa der Erschaffung eines monumentalen Weltstaates.


Die damit einhergehende Harmonie, der Wohlstand, aber auch die andauernde Konfliktlosigkeit führen jedoch bald zu geistiger Trägheit und Sorglosigkeit, die schließlich in ihrem Untergang gipfelt. Doch die Menschheit schafft es trotzdem innerhalb des unvorstellbaren Zeitraumes von zwei Milliarden Jahren, insgesamt neunzehnmal wieder aufzuerstehen und sich dabei jedes Mal neu zu erfinden. Dabei verändert sich der Mensch körperlich und geistig, beginnt sich selbst und seine Umwelt zu formen, erwehrt sich außerirdischer Invasoren, kolonisiert fremde Planeten und überwindet letztlich sogar die Zeit. Doch selbst der größte Intellekt kann den Urkräften des Universums am Ende nicht trotzen.


Stapledons Utopie ist eine umfassende philosophische und soziokulturelle Betrachtung einer von ihm erdachten, zwei Milliarden Jahre umfassenden Menschheitsgeschichte. Ausgehend von den gesellschaftlichen Verhältnissen zur Entstehungszeit des Werkes (um das Jahr 1930) ersann der Autor eine anfangs noch rational nachvollziehbare Zukunftsvision, die mit fortschreitender Dauer zu einem meisterlichen Ideenspektakel mutiert.


Viele dieser Ideen findet man zu Recht in der Science Fiction späterer Jahre wieder. Doch auch wenn es fraglos ein Meilenstein seiner Zeit ist, kann Stapledons Werk nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Die gänzlich unpersönliche Erzählweise ohne Hauptfiguren und der rein sachliche Schreibstil sind eine wirkliche Herausforderung für jeden Leser.


Autor:             Olaf Stapledon         
Verlag:           Piper (Okt. 2015)